Kiez-Geschichten

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Maxgärten - Kinder erleben Nachbarschaft

Neugestaltung der Maxgärten im Wittlerblock zwischen Maxstraße und Reinickendorfer Straße



Kinderbücher wie Astrid Lindgrens Klassiker „Die Kinder von Bullerbü“ zeigen ein Idyll, in dem Kinder unbeschwert aufwachsen. Die Realität sieht oft anders aus. Unzureichende Spielmöglichkeiten, eine das Kindswohl gefährdende Nutzung von Freiflächen und an Kinderinteressen vorbei geplante Wohnanlagen bestimmen den Alltag vieler Kids vor ihrer Haustür. In unserem Kiez macht nun eine Hausverwaltung mit QM-Unterstützung vor, wie es anders geht.


Der Wittlerblock, Gelände der ehemaligen Großbäckerei Wittler, liegt zwischen Max- und Reinickendorfer Straße. Da hier ein halb-öffentlicher Durchgang ist, können kommunale Gelder eine Umgestaltung der Freiflächen unterstützen. Diese ca. 4000m2 sahen bisher so aus: Wenig Spielgeräte, Nutzung als „wilder“ Treffpunkt von Trinkern und Junkies, ungesicherte Gefahrenstellen wie Treppenabgänge, eine wenig einladende Hofumgebung. Laut Gottfried Uebele von „Kulturen im Kiez“ herrschten dort zeitweise gar „slumartige Zustände“.




Aber dort leben nach Schätzungen Uebeles ca. 500 bis 600 Kinder und Jugendliche. Kids, für die eine spielgerechte Neugestaltung der Freiflächen eine fundamentale Verbesserung bedeutet. So kam der Entschluss des Eigentümers Harry Gerlach Wohnungsunternehmen GmbH und des Quartiersmanagements (QM), hier für die Kinder und im Sinne der Wohnumfeldaufwertung aktiv zu werden. Wichtigster Punkt war, dass die über die Neugestaltung mit entscheiden, die am meisten davon profitieren: die Kinder. Also wurde zunächst ermittelt, welche konkreten Wünsche sie haben. Mit Mitteln des QMProjekts „Blickpunkt Jugend“ machten sich Maude Fornaro und Gottfried Uebele vom Träger „Kulturen im Kiez“ daran, den Kindern ihre Erwartungen zu entlocken. Dazu besuchten sie einmal pro Woche den
Wittlerblock, diskutierten die Ideen der Kids, machten Vorschläge und moderierten, wo es Interessenkonflikte z.B. zwischen jüngeren und älteren Kindern oder Mädchen und Jungen gab. Darauf aufbauend wurde im Rahmen eines weiteren QM-Projektes Gruppe F als Organisator des Beteiligungsverfahrens und Planer für die Neugestaltung rund um den schon bestehenden Bolzplatz ausgewählt. Mit verantwortlich für Beteiligungsprozess und Planung ist Diplomingenieurin Anja Freye. Sie organisierte mit allen Beteiligten drei offene
Werkstätten, bei denen jeweils ca. 80 Kinder mitwirkten. Hier wurden aus Ideen konkrete Planungen. In eigens gefertigten Modellen verorteten die Kids maßstabgerecht Schaukeln, Kletteranlagen oder Trampolins. Natürlich mit viel Spaß: Die Kinder bastelten ihre Vorschläge selbst. Spielerisch ging es auch bei der
Abstimmung der Vorschläge zu.




Für die Gewichtung der Ideen konnte jedes Kind sieben Punkte seine Favoriten vergeben. Piktogramme verdeutlichten die Alternativen – kindgerecht und als Zugeständnis an den immens hohen Migrantenanteil in den Wohnblocks. Anja Freye von Gruppe F zeigt sich zufrieden: „Die Zusammenarbeit mit den Kindern war ungemein gut. Ich habe viel Begeisterung, kindliche Freude aber auch viel verantwortliches Handeln und Toleranz erlebt. Und die Hausverwaltung stand uns wohlwollend und Wie ist Deine Nachbarschaft? kooperativ zur Seite.“ Ähnlich äußert sich Gottfried Uebele: Begegnete mir zunächst eine resignative Stimmung à la ‘Das geht hier sowieso ruckzuck wieder kaputt’, wandelte sich das schnell in Vorfreude. Sogar die Polizei bestätigte, dass während unseres Engagements der Vandalismus signifikant zurück ging.“
Anhand der ermittelten Prioritäten entstand eine Zeitleiste, die festlegt, was als Erstes gebaut wird. Auch die Hausverwaltung engagiert sich mit Eigenmitteln – so übernimmt sie Rückbauarbeiten und spendiert zehn mobile Bänke, die erwachsene Anwohner einladen, die Freiflächen aufzusuchen.

Im Frühjahr soll der Bau beginnen, bis zum Spätsommer abgeschlossen sein.
Zu Ende freilich ist der Prozess nicht. Uebele weist darauf hin, dass eine weitere Betreuung unverzichtbar ist. Allerdings läuft das Projekt 2012 aus, eine Fortsetzung steht in Aussicht, aber noch ist unklar, wie. Davon abgesehen erfährt das Projekt „Blickpunkt Jugend“ neuen Zuspruch. Kinder aus anderen Straßen
kommen, um auch bei sich ähnliche Projekte anzuregen. Nach Uebeles Beobachtungen steht und fällt die Qualität der Freiflächen einer Wohnanlage mit dem Vertrauen, das Hausverwaltungen den Bewohnern entgegen bringt: Gelingt es, ein Verantwortungsgefühl für das Anwesen zu erzeugen profitieren beide Seiten. Nun, ein zweites Bullerbü werden die Maxgärten sicher nicht – aber ein Ort, an dem Kinder erleben können, dass ihre Meinung zählt, dass Engagement sich lohnt und dass unbeschwertes Spielen auch vor der eigenen Haustür möglich ist. Johannes Hayner



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